Teuer, also wertvoll? – Warum auch Bescheidenheit reich macht
Teuer also wertvoll - Warum auch Bescheidenheit reich macht | © Rafal Olkis @ shutterstock.com

Teuer, also wertvoll? – Warum auch Bescheidenheit reich macht

Die Überlegungen, was wir im Leben wirklich brauchen und ob uns materieller Besitz glücklich macht, beschäftigen mich schon seit vielen Jahren.

Als Tochter eines Rechtsanwalts und einer Lehrerin kannte ich keine Reichtümer, sondern ein ganz normales aber gut situiertes Leben. Wir lebten in einer Mietwohnung und verbrachten unseren Urlaub in Ferienwohnungen an der Adria. Damals spielte Geld keine Rolle. Luxus kannte ich nicht und ich vermisste ihn auch nicht.

Als Studentin der Philosophie und der Psychologie hatte ich viele Nebenjobs, um mir Geld dazuzuverdienen: Zimmermädchen, Putzfrau, Regale einräumen im Großmarkt, Getränkekisten aufstapeln, Kassiererin im Supermarkt, Kellnerin, Babysitten. Diese Arbeit hat mir gezeigt, wie schwer viele Menschen ihr Geld verdienen müssen.

Unterdessen wurde im Laufe der Jahre die Firma, die mein Vater mit anderen Investoren gegründet hatte, immer erfolgreicher und das Thema Geld trat massiv in mein Leben. Es fing an, mein Leben zu bestimmen.

Das leidige Thema Geld „kostete“ mich 25 Jahre meines Lebens

Da nur ein leiblicher Familienangehöriger dem Beirat der Firma angehören durfte und somit wirtschaftliche Entscheidungen treffen konnte, musste ich mich in die Materie einarbeiten und BWL studieren. So „verlor“ ich 25 Jahre meines Lebens, die vom Thema Geld, Investitionen und Steuern bestimmt waren. Zeitgleich verlor ich auch viele Jahre lang das aus den Augen, was für mich wichtig und wertvoll war: philosophische Themen, die Fragen nach dem Sinn des Lebens und was ein gutes, gelungenes Leben ausmacht.

Meine Erfahrung mit dem Thema Geld war vor allem: Geld trägt immer den Anspruch in sich, zu wichtig zu sein und zu viel Raum einzunehmen. Die meisten Menschen sind eher Knecht des Geldes, als sein Herr.

“Die meisten Menschen sind nicht Herr, sondern Knecht des Geldes.“

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Sobald die Grundbedürfnisse gesichert sind, macht mehr Geld nicht glücklicher

Der Philosoph Richard David Precht stellt zu Recht fest: „Geld nichtet alle Werte, weil es außer sich keinen Wert anerkennt… Geld ist aber auch die einzige Sache, die ihre Qualität allein an der Quantität bemisst. Es ist in sich Mittel und Zweck und ebnet alles ein.“

Nach jahrelanger Zusammenarbeit mit meinem Vater, nach Jahren, in denen ich funktionierte aber nicht unbedingt glücklich war, fand ich zu meinen eigenen Wurzeln und Interessen zurück. Ich knüpfte wieder an mein Studium der Philosophie und Psychologie an und fragte mich: Wenn die Tatsache, plötzlich mit viel Geld umzugehen, mich und meine Beziehungen verändert hat, beeinflusst sie wahrscheinlich auch andere Menschen.

Grund für meinen „Sinneswandel“ war ein Gespräch mit meiner damals vielleicht 17 Jahre alten Tochter, die meinte, dass wir uns seit Jahren beim Essen nur über Geld unterhalten würden. Das war zwar etwas übertrieben, doch im Grunde hatte sie Recht. Ich begann mich intensiv mit den Themen Geld und Religionen, Geld und Philosophie und der Psychologie des Besitzens zu beschäftigen.

In den zahlreichen Gesprächen, die ich für mein Buch „Geld oder Leben? Wie Geld unsere Gefühle und Beziehungen beeinflusst“ geführt habe, durfte ich erfahren, dass Geld kaum eine Rolle für das Glück eines Mensch spielt. Ich habe mich mit armen, „Normalverdienern“ und reichen Menschen unterhalten und immer wieder festgestellt, dass reiche Menschen keineswegs glücklicher sind als Menschen, die genug zum Leben haben.

“#Geld macht nicht glücklich – solange die Existenz gesichert ist. #Glück“

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Arme Menschen waren aber sicherlich unglücklicher und mutlos, weil sie an ihrer Situation nichts ändern konnten und sich dadurch ohnmächtig und hilflos fühlten. Wohlhabend zu sein, kann eine gelassene Großzügigkeit sich selbst und anderen gegenüber schaffen. Menschen mit einem regelmäßigen Einkommen können sich fundamentale Annehmlichkeiten des Lebens leisten. Sie leben in einer warmen Wohnung, verreisen hin und wieder und gönnen sich ab und zu ein schönes Buch. Sie leben definitiv ruhiger und entspannter als Menschen mit Geldsorgen, die nicht wissen wie sie die nächste Miete bezahlen sollen.

Die entscheidende Frage ist: Wie kann man sein Geld „sinnvoll“ einsetzen?

Wohlstand ist damit die Basis für ein ruhiges und zufriedenes Leben. Vorraussetzung ist allerdings, dass er sinnvoll eingesetzt wird. Deswegen ist vor allem folgende Frage spannend: Durch welche Aktivitäten vermag ein vermögender Mensch, Sinnvolles zu tun und dabei glücklich zu sein. Für viele Menschen ist es ein gutes Gefühl, jemandem zu helfen. Geld spielt dabei eine wichtige Rolle. Viele Reiche haben Stiftungen gegründet, setzen sich für soziale Projekte ein, fördern die Wissenschaft, benachteiligte Kinder und Jugendliche oder Künstler. Die großen Stiftungen von Firmen wie Bertelsmann, VW sowie Privatstiftungen wie die von Bill Gates, geben beredte Beispiele dafür, wie mit Geld Sinnvolles bewirkt werden kann. Geld lässt sich also als eine positive Energie nutzen, mit der wir etwas bewegen, gestalten oder helfen können.

Die durchgehende Ökonomisierung unserer Gesellschaft macht auch vor Beziehungen, Liebe und Partnerschaft keinen Halt und vor allem nicht vor uns selbst. Wer investiert wie viel in wen? Sie haben diesen Satz sicherlich schon einmal gehört: „Ich habe so viel in sie/ihn investiert und trotzdem hat er mich verlassen…“ Wenn nicht in Ihrem eigenen Leben, dann sicherlich in einem Spielfilm.

Auch vor uns selbst macht die Durchdringung von ökonomischen Themen nicht Halt. Was bin ich mir wert? Die neue, teure Hautcreme oder gleich ein schickes Auto? Auffällig ist, wie häufig die Fragen nach dem Wert eines Menschen in der Werbung eingesetzt werden und damit scheinbar einen wichtigen Punkt in den Menschen treffen. Wir sind uns diesen oder jenen Urlaub wert, eine Behandlung in einem Kosmetikstudio, biologische Lebensmittel oder Schmuck und Markenkleidung.

“Materielle #Werte dienen dazu, mangelndes Selbstwertgefühl auszugleichen.“

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Die ewige Frage nach dem Wert, den wir selbst darstellen, wird immer präsenter. Das Thema „teuer“ gewinnt immer stärker an Bedeutung. Je weniger wir uns selbst wert sind, desto entscheidender werden wir das Fehlen an Selbstwertgefühl mit äußerlichen Werten und Konsum auszugleichen versuchen. Entscheidend ist hier die Frage: Brauche ich Dinge dringend für mein Wohlbefinden oder habe ich noch einen persönlichen Spielraum, um Konsumentscheidungen zu treffen.

Auch die Digitalisierung hat unser Wertesystem verändert

Der Narzissmus unserer Gesellschaft, das Konsumdiktat, dem wir alle permanent unterliegen, befeuern den Narzissmus des Einzelnen. Da die Zukunft unsicher und voller Gefahren scheint, werden nur Narren in die Zukunft verschieben, was sie heute schon genießen können. Auch die Digitalisierung unseres Lebensumfeldes, das schnelle Wechseln von einer Anwendung zur nächsten, der Verlust an Konzentrationsfähigkeit, der Perfektionsdruck in Bezug auf Äußerlichkeiten haben unser Wertesystem und unsere Erfolgsvorstellungen verändert. Es geht nicht mehr darum, sich Dinge und Fähigkeiten anzueignen und stetig zu erarbeiten.

Alles muss schnell gehen und sofort verfügbar sein. Wir haben verlernt, unsere Bedürfnisse aufzuschieben. Das Individuum ist in den Mittelpunkt gerückt.

Es gibt einen Kult der Gesundheit und des persönlichen Wachstums. Was zählt ist der Augenblick. Es geht darum, für sich selbst zu leben und nicht für Vorfahren oder die Nachwelt. Die Grundidee der Indianer, bei weitreichenden Entscheidungen die Konsequenzen für die nächsten 7.Generation zu überdenken, scheint heute absurd zu sein. Das Gefühl einer historischen Kontinuität ist das Gefühl, in eine Folge von Generationen eingebettet zu sein, die aus der Vergangenheit kommen und in die Zukunft gehen. Dieses Bewusstsein ist bei vielen Menschen verloren gegangen. Beziehungen und Gemeinschaft scheinen immer schwieriger lebbar.

“Herausgerissen aus der historischen Kontinuität der Generationen verlieren wir unser #Verantwortungsbewusstsein.“

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Wie führt man ein Leben, das über den Augenblick hinausgeht?

Nicht umsonst haben Bücher, die das Thema „Generation Beziehungsunfähig“ aufgreifen, das Potential zum Bestseller – ebenso wie Erziehungsratgeber. Generell macht sich eine immer größere Unsicherheit darüber breit, wie Leben zu führen sind, wenn sie über den Augenblick hinausgehen.

Natürlich ist Eigentum partout nicht schlecht . Wir alle brauchen ein Heim, Schutz, Nahrung, Freude, Liebe und Geborgenheit. Um uns dies zu sichern, brauchen wir Geld. Die Weisheit des richtigen Umgang hiermit liegt jedoch in einer bewussten Einstellung zum Leben.

Vielleicht muss man, um glücklich zu werden, ja erst einen Schritt von sich und seinen Bedürfnissen zurücktreten. Das „sich selbst vergessen“ geschieht dann, wenn man sich auf etwas einlässt und sich mit diesem verbindet: mit einer befriedigenden Arbeit, mit Gott, der Natur, oder mit Menschen, die man liebt. Wer sich außerdem erlaubt, dem Bedürfnis nach Ruhe und mehr Tiefgang im Leben nachzugehen und sich mehr Zeit gönnt, den wird dieses Innehalten zu Glücksmomenten führen.

Zum Thema „Wie viel man braucht, um glücklich zu sein“, fällt mir spontan ein Gedicht von Berthold Brecht ein:

Der Zettel des Brauchens
Viele kenne ich, die laufen herum mit einem Zettel
Auf dem steht was sie brauchen
Der, der den Zettel zu sehen bekommt, sagt: Das ist viel
Aber, der ihn geschrieben hat sagt: Das ist das wenigste
Manch aber zeigt stolz seinen Zettel
Auf dem steht wenig

Vielleicht liegt genau darin der Schlüssel zum Glück: Die Frage ist nicht was wir brauchen, sondern worauf wir verzichten können.

 

Der Artikel ist erstmalig erschienen in „coach!n“, Ausgabe 02/16

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