Digitale Entwöhnung – Ich bin dann mal nicht erreichbar

Ungekürztes Interview mit der Funken Mediengruppe

Digitale Entwöhnung –
Ich bin dann mal nicht erreichbar

Geld und Liebe 6 min. Lesezeit
© Alena Ozerova @ Shutterstock
1. Wo führt die Digitalisierung uns nach Facebook, Twitter und Smartphone noch hin? Welche Entwicklungen zeichnen sich ab?

Die Digitalisierung wird uns zu immer größerer persönlicher Unfreiheit und Abhängigkeit führen und auf wirtschaftlichem Gebiet zum Niedergang ganzer Branchen und zu hohen Arbeitslosenzahlen.
Die Menschen, die ihre Arbeit verlieren, haben dann viel Zeit sich mit Spielen und Daddeln im Internet zu „vergnügen“, woran wenige Firmen weltweit immer reicher werden und der Kreis schließt sich auf diese Weise. Einige wenige werden immer reicher und der Großteil der Menschen passt sich an.

Ganz im Gegensatz zu den engagierten Pionieren des Silicon Valley, denen das Vernetztsein der Menschen untereinander wichtig war – inzwischen geht es auch hier um einen Milliardenmarkt – hat das Internet zu einer Narzissmusepidemie, zu einer Welt aus Desinformation und schlechter Laune geführt.

Dass man sich im internet auch gut informieren kann, steht außer Frage, trifft aber nicht den Kern Ihrer Frage.

2. In den 80ern gab es große Proteste gegen eine Volkszählung. Warum sind Milliarden von Menschen heute bereit, ihre privaten Daten kalifornischen Großunternehmen zu überlassen?

Die Thematik, dass Informationsgroßkapitalisten an uns steinreich werden, scheint recht wenig Menschen, die ich für mein Buch interviewt habe, zu interessieren. Die meisten denken, dass sie nichts zu verbergen haben. Dass inzwischen ein klammheimlicher und wissenschaftlicher Angriff von psychologisch versierten Datenspezialisten auf unsere Privatheit stattgefunden hat, ist schauderhaft. Im Grunde geht es darum, uns als Konsumenten und als Wähler zu manipulieren und natürlich an unseren Daten zu verdienen.

“#Pionieren des Silicon Valleys ging es um Vernetzung, heute um den Milliardenmarkt #DigitaleSucht“

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Die Angst vor der Volkszählung in den 80ern erscheint mir wie ein Kinderkaspertheater, angesichts der Manipulationsgefahren, denen wir gegenüberstehen.

3. Warum ist es so vielen Menschen ein Bedürfnis, ihren Alltag mit Leuten zu teilen, mit denen sie u.U. lange nicht oder sogar noch nie gesprochen haben?

Das liegt daran, dass uns das Netz nachhaltig narzisstischer macht. Wir gieren nach Zustimmung durch likes, nach Aufmerksamkeit und Bestätigung und finden wie jeder Süchtige nur Leere., es sei denn, es geht um soziale Themen und Initiativen.

4. Erleben wir ein Ende der Privatheit, wie wir sie kannten?

Ja, das Ende der Privatheit hat schon stattgefunden. Wenn jeder permanent immer alles was er tut, im gleichen Moment öffentlich macht, gibt es keine Privatheit mehr. Privatheit bedeutet sich zurückzuziehen von den lauten Zumutungen der Welt. Nur dort kann man kreativ sein und sich entwickeln, der einzige Ort, der wirkliche Freiheit garantiert. Alleine, oder mit Menschen, die einem nahe sind.

5. Wie hat sich die Gesellschaft, das Individuum verändert nach zehn Jahren Smartphone?
Umschlag: Digitale Süchte: Appst Du schon oder lebst Du noch?

Umschlag: Digitale Süchte: Appst Du schon oder lebst Du noch?

Das Individuum hat sich in den zehn Jahren sehr verändert. Das sehen Sie an den Kindern am besten: Am Strand liegen Kinder unter Decken, um weiter ungestört durch die Sonne auf dem Handy zu spielen, statt im Sand zu buddeln. Die Kindheit ist spätestens mit zehn zu Ende, wenn Gewalt, Pornografie und permanentes Geschwafel über Stars und Prominente Überhand nehmen. Es ist zu einer Banalisierung unseres Lebens gekommen und zu Abhängigkeiten von Smartphones und Bildschirmen, die beängstigend ist.

Der sich ehemals mündig fühlende Bürger (es sei dahingestellt, ob es ihn wirklich gab), ist eine Abhängigkeitsbeziehung mit einem Ding – dem Handy – eingegangen. Sogar Erwachsene benützen Handys wie Kleinkinder ihr Kuscheltier. Es muss ständig dabei sein. Nicht ohne mein Handy!

Wie funktioniert das?
Jede neue Botschaft, jedes Geräusch, jede Schwingung unseres Smartphones sorgt dafür, dass im Gehirn Botenstoffe ausgeschüttet werden. Durch die Geräusche und optische Botschaften fühlen wir uns mit der Welt verbunden und dadurch wohl. Wie die Hunde im berühmten Experiment von Pawlow werden wir alle auf diese Stimuli konditioniert. Auf eine geniale Weise haben es die milliardenschweren Firmen wie Apple, Samsung etc. geschafft, tief menschliche Bedürfnisse nach Nähe und Verbundenheit zu nutzen.

6. Ist der Zenit der ständigen Erreichbarkeit überschritten? Wie gestaltet sich eine entsprechende Gegenbewegung?

Ich sehe immer mehr Anzeichen für eine Gegenbewegung, weg vom Digitalen, hin zum Realen. Man sammelt Schallplatten und geht in Achtsamkeits- und Meditationskurse.

Viele Menschen spüren, dass sie dieses ewige multitasking nicht auf Dauer durchhalten können. Viele Menschen können sich nicht mehr konzentrieren und suchen Heilung. Die meisten werden weiter mitmachen und jede Neuentwicklung wie Datenbrillen frenetisch feiern.

7. Was sind Warnzeichen, dass ich von der digitalen Hypes vereinnahmen lasse – süchtig werde?

Man braucht sich nur einen Tag selbst beobachten und zählen, wie oft man seine Nachrichten checkt. Dazu gibt es auch gute Apps. Oder man ertappt sich dabei, dass man panisch das ausgeschaltete Handy sucht. Das Gefühl kenne ich selbst auch. Das war einer der Anlässe, dieses Buch zu schreiben.

8. Was kann ich dagegen tun?

In meinem Buch können Sie auf Seite 177 Tipps finden. Einige davon:

  • Schaffen sie handyfreie Zonen, wie das Schlafzimmer oder den Esstisch.
  • Tragen sie eine Armbanduhr und schaffen sie sich einen Wecker an.
  • Schaffen sie sich Zeiten ohne Internet.
  • Meditieren Sie jeden Tag eine viertel Stunde. Das wirkt wie Detox für das Gehirn.
  • Gehen Sie innerlich auf Distanz zu vermeintlichem Zeitgeist.
9. Viele Unternehmen bieten heute gleitende Arbeitszeiten an, um Burnout vorzubereiten – digitale Nomaden arbeiten von überall. Ein trojanisches Pferd, weil ich mich dadurch immer erreichbar mache. Ich habe zwar keine festen Arbeitszeiten mehr, aber auch keine festen Auszeiten – wie sehen Sie das? Wie kann ich mich schützen?

Ich sehe das kritisch, weil jeder Mensch sich von sich mal von der Arbeit distanzieren muss, auch wenn der Zeitgeist workaholics cool findet.

Wenn ich mir eine Botschaft wünschen könnte, die mein Buch vermitteln soll, wäre das diese: Besinnen wir uns aufs Wesentliche, das unser Leben ausmacht: wirkliche Kontakte, Liebe, Freundschaft und Sinn jenseits von oberflächlichen künstlichen Beziehungen.

Das Interview führte Oliver Stöwing von der Funken Mediengruppe.

Eine Kurzfassung finden Sie u.a. hier.

Zum Buch: „Digitale Süchte. Appst Du schon oder lebst Du noch?“

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